Forschungsergebnisse zu karrieresteuernden Werten

Auf diesen Seiten finden Sie Forschungsergebnisse zur karrieresteuernden Funktion von Werten und zu den Karriereankern, einem Typus von Werten, den Edgar Schein beschrieben hat. Diese Forschungsergebnisse habe ich in meinem Buch: ‚Triadische Karriereberatung – Die Begleitung von Professionals, Führungskräften und Selbständigen' erstmals vorgestellt.

Für Wissenschaftlerinnen, die über Karriere forschen, bieten diese Seiten interessantes Datenmaterial und Forschungsergebnisse.

Für Interessierte, die ihre Karriereanker kennen, bieten die Interviews mit Fach- und Führungskräften Anregungen zur Selbstdiagose und -reflexion.

Beraterinnen, die mit den Werten arbeiten wollen, können sich anhand von Originalaussagen ein anschauliches Bild der Wertetriaden machen, um sie bei den Ratsuchenden sicherer diagnostizieren zu können.

Für Besucherinnen, die das Buch nicht kennen, sind diese Texte und Interviews vermutlich nicht ohne weiteres verständlich. Für Sie eine kurze Einführung in das Konzept der Karriereanker

Kurzprofile der Karriereanker

Forschungsergebnisse zu Edgar Schein’s Konzept der Karriereanker

Er definiert Anker „als ‚das' Element im Selbstkonzept, das jemand keinesfalls aufzugeben gewillt ist." (Schein 1994). Karriereanker versteht er als eine Mischung aus Werten, Motiven und Fähigkeiten. Karriereanker sind bestens geeignet für die geordnete Erhebung von Informationen über die Werte, die handlungsleitend und orientierungsrelevant, aber meist nicht bewusst sind.

Für die Erhebung von Fähigkeiten, Fertigkeiten, Stärken und Kompetenzen sind die Karriereanker wenig geeignet, geeignetere Verfahren sind z.B. die im Programm Profilentwicklung der Triadischen Karriereberatung® beschriebene Talenterhebung, die Erfolgsgeschichten nach Richard Bolles und andere.

Karrieresteuernd ist die Triade der drei wichtigsten Karriereanker, die Wertetriade

Scheins Modell ist kein triadisches, er hierarchisiert, denkt binär und unterschätzt damit die Fähigkeit von Beratern und Kunden zu Parallelverarbeitung und relationalem Denken.

"Sollten zwei oder mehrere Karriereanker auf Sie gleichermaßen zutreffen, so brauchen Sie sich lediglich zukünftige (hypothetische) berufliche Situationen vorstellen, die Sie zu einer Entscheidung -entweder-oder' zwingen würden, um so herauszufinden, was Sie tatsächlich tun würden." (Karriereanker 3. Aufl.1994, S. 86)

Der wesentliche Unterschied zwischen Scheins Konzept der Anker und der hier vorgestellten Werteanalyse ist, dass Edgar Schein mit isolierten Ankern arbeitet, während in diesem Konzept Beziehungsanalyse betrieben wird, also die Relationen zwischen Werten bzw. Ankern untersucht werden.
Wenn man das Neue Triadische Denken auf die Arbeit mit den Ankern anwendet, dann kommt man zu einer Anker- bzw. Wertetrias aus drei Faktoren, die in ihrem Zusammenspiel als emergentes Produkt eine personenspezifische Wertetriade schaffen. Die Wertetriade entsteht aus drei in Ankern repräsentierten oder anderen Werten, ihren wechselseitigen Beeinflussungen, den Spannungen, die sich zwischen ihnen bilden künnen und der spezifischen Ausprägung der einzelnen Anker, die aus der Kombination mit anderen entsteht. Die Wertetriade ist ein Schritt in Richtung einer differentiellen Karrieretheorie. Von Bedeutung scheinen auch die letzten drei Anker, die sogn. Schattenanker zu sein. Ein differentielles Bild der karriereleitenden Werte ergibt sich erst aus dem Zusammenwirken der drei ersten und letzten Anker.

Eine quantitative Studie zur Validität des Fragebogens von Schein's Karriereanker bestätigt meine qualitativ erhobenen Ergebnisse. Die Anker sind demnach nicht trennscharf, sondern aufeinander bezogen und die ersten drei Anker heben sich von den folgenden ab. "Finally, multiple Anchors may indicate a more complex value set oder may be partly due to the intercorrelated structure of Schein's Career Anchor."
Die Autoren kommen außerdem zu dem Ergebnis, dass es signifikante Häufigkeiten bestimmter Ankerkombinationen gibt.
Lea Brindle and John Whapham: To weight oder not weight? Interpreting Schein's Career Anchors questionnaire. In: Selection and Developement Review Vol. 19. No3, Juni 2003, S. 7

Der Geltungsbereich des Modells der Karriereanker

Edgar Schein bestimmt den Geltungsbereich seines Modells nicht. Das untersuchte Sample war professionshomogen, es bestand aus Managern. Untersucht man andere Gruppen, kann man weitere Karriereanker finden, z.B. die von freien Künstlern und Entdeckern.

Bestätigt wird diese These auch durch in der Praxis auftretende Schwierigkeiten beim Ausfüllen des Fragebogens. Angehüöige anderer Professionen sehen sich oft nicht in der Lage, den Fragebogen vollständig auszufüllen, weil sie viele Fragen, die für Manager ohne weiteres verständlich sind, nicht verstehen und beantworten können.

Der Entdeckeranker

Ich habe einen weiteren Anker, den ‚Entdecker-Anker', der mehrfach in Interviews oder Beratungen mit Wissenschaftlern und Ingenieuren aufgetaucht ist, und sich nicht auf die Totale Herausforderung zurückführen lässt, entdeckt.

Vermutlich ist er für die von Schein untersuchte Population der MBA-Absolventen nicht typisch, sondern eher für Wissenschaftler, Ingenieure, Erfinder und andere Entdecker.

Es geht um das Erkunden und Erforschen von unbekannten Gebieten, um unerforschte Phänomene, um das Infragestellen herrschender Annahmen und Lösungen. Ein Zitat von Einstein: "Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig". Die Unmöglichkeit der Aufgabe, das Risiko, der ungewisse Ausgang, das Besiegen anderer, die für den Anker Totale Herausforderung charakteristisch sind, machen nicht den Reiz aus. Wichtig ist das Erlebnis der Entdeckung, das nach Aussagen von Interviewten Flow-Erlebnissen, "einem Zustand der Schwerelosigkeit" entspricht. "Man verschwindet mit seinen Strebungen, man verschmilzt mit dem Entdeckten." Es gilt, Chaos, Zerfall von Sicherheiten, Angst, Unordnung in den Gedanken und auch Erschöpfung durchzuhalten. Die Entdecker kommen in der Professional Community häufig in Außenseiterpositionen, werden ausgegrenzt, nicht gefördert, weil sie meist ketzerische Gedanken äußern, die den Lehrmeinungen widersprechen. Andererseits braucht es Harmonie, Einswerden mit dem zu Entdeckenden, Loslassen und die Einstellung, nichts mehr zu wollen. Ein Zitat aus einem Interview mit einem Wissenschaftler:

"Gute Entdecker müssen im Einklang mit dem sein / worauf sich die Entdeckung bezieht / Kolumbus war im Einklang mit dem Wind dem Klima / er ist mitgeschwommen / er wollte nicht Amerika entdecken / er wollte den Seeweg nach Indien über den Atlantik entdecken / sie müssen das lieben was sie entdecken und finden wollen / Freud hatte eine liebevolle Beziehung zu seinen Patienten / sie sind Spiegel der Dynamik um sie herum / müssen davon affiziert werden / Luther selbst wollte die Destruktion nicht zu weit treiben / er fühlte sich im Einklang mit den Kirchenvätern / die Balance zwischen Destruktion und Harmonie muss stimmen."

Ein Wissenschaftler, der diesen Karriereanker m.E. hat, ist der 2014 mit dem Nobelpreis für biophysikalische Chemie geehrte Göttinger Physiker Prof.Dr.Dr. Stefan Hell. Meine Analyse der Interviews, die er anlässlich der Preisverleihung gegeben hat, bestätigt, dass er sehr früh ein physikalisches Problem zu seinem machte, von dem er annahm, dass es nicht in den Grenzen der Physik zu lösen sei. Er wurde vom Hochschulsystem nicht gefördert, arbeitete nach der Promotion wie er sagt „als freier Erfinder", seine Idee und sein erstes Patent förderten seine Großeltern. Ihn interessierte Grundlagenforschung, wovon ihm abgeraten wurde, falls er Karriere machen wolle. Er migrierte nach Turku, einer für Physiker nicht wirklich bedeutenden Hochschule, wo er drei Jahre frei an seiner Theorie weiterarbeiten kann und wo ihm die Idee für ihre Umsetzung kommt. Die Max Plank Gesellschaft „geht das Risiko ein", ihm auf einer befristeten Stelle die Chance zu geben, seine Idee umzusetzen. Er bleibt in Finnland, „weil er dort am besten arbeiten könne" und lehnt die zahlreichen karrieretechnisch gesehen unabweisbaren Rufe an andere Universitäten ab.

Der Wille Grenzen zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen zu überschreiten, der Glaube an seine Idee, die ein 120 Jahre altes physikalisches Gesetz, das tatsächlich auf einem Gedenkstein für seinen Entdecker Ernst Abbe in Stein gemeißelt war, umstieß, und deren Anwendung bei der Konstruktion eines für Nanomikroskopie funktionierendes Lichtmikroskops gelang und brachten ihm den Nobelpreis ein. Sein enormes Durchhaltevermögen und der Wille, nicht nur etwas für die Wissenschaft, sondern für alle zu schaffen, prägen diese Entdeckerbiographie. (Vgl. Website der Max-Planck-Gesellschaft am 8.10.2014)

Dies trifft auch auf Humboldt zu: Einer unserer größten Entdecker und Naturforscher, Alexander von Humboldt schreibt weit vor seiner Amerikaexpedition an einen Freund: „Es ist ein Treiben in mir, dass ich oft denke, ich verliere mein bisschen Verstand. Und doch ist dies Treiben notwendig, um rastlos nach guten Zwecken hinzuwirken!" 23.9.1790,

von Humboldt, Alexander 2009: Es ist ein Treiben in mir- Entdeckungen und Einsichten. Hrsg. Von Frank Holl. München, Deutscher Taschenbuch Verlag Hamburg (2009, S.9)